Stellen Sie sich doch mal vor, Sie verspürten Lust auf
einen Rotwein, der leicht und fruchtig ist, nicht sehr tanninhaltig, mit
milder Säure, rund, ausgewogen und trinkig. Dieser tolle Rotwein sollte auch
noch für sonnige Sommertage geeignet sein und aus einer landschaftlich
reizvollen Gegend mit alter Weinbautradition stammen. Warum dann nicht einen
Bardolino wählen? Einige werden jetzt die Nase
rümpfen. Zu schlecht ist der Ruf des Bardolino, der heute den wenig
würdevollen Status als Touristen- und Discountwein hat, obwohl er eine Art
Kultwein war, lange vor Barolo und Brunello! |
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Der Bardolino lässt sich vor Ort am Gardasee
problemlos verkaufen. Der Tourismus ist dafür eine Garantie. Den
Produzenten geht jedes Jahr vorzeitig der Bardolino aus, egal ob gut
oder schlecht, verkauft wird alles. Der Mangel an Absatzsorgen ist kein
geeignetes Umfeld für ausserordentliches Qualitätsstreben.
Doch seit mehr als zwei
Jahrzehnten stemmt sich eine Frau gegen diesen Trend und produziert
mittlerweile einen Bardolino, der sogar in der Endausscheidung zu den
„Tre Bicchieri“ des Weinführers
«„Vini d´Italia 2009“ Gambero Rosso - Slow Food»
war und trotz Stahltankausbau verdiente „2 Gläser“ erhalten hatte.
Es war bis dahin völlig neu, dass ein Bardolino sich als Kandidat zu den
„Tre Bicchieri“ beweisen konnte! Apropos Bardolino, der Weinführer
schreibt: „Es ist nur Matilde zu verdanken, die das Weingut mit
Scharfsinn führt, hinsichtlich des eigenen Terrains hohe Maßstäbe setzt
und diesen beispielhaften Bardolino hervorbringt.“
Gemeint ist Matilde Poggi,
die inmitten des Herzens von Bardolino, in Cavaion Veronese,
seit 1984 das mittelgrosse
Familienweingut «Le Fraghe»
bewirtschaftet. Sie gilt als
Vorreiterin des Qualitätsstrebens, hat viel experimentiert,
verschiedene Reberziehungssysteme und verschiedene Rebsorten
auszuprobiert, eine hohe
Pflanzdichte eingeführt und die Erträge stark reduziert.
Seit ihrer Kindheit befasst sie sich mit Wein und dessen Anbau. Für das
Wechselspiel der Jahreszeiten fühlte sie schon immer eine große
Begeisterung und so kam der Wunsch und das innere Bedürfnis, unter
sorgfältiger Berücksichtigung des Terroirs, ihren eigenen Wein zu
„gebären“. |
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Heute werden auf 28 Hektar überwiegend die Sorte
Corvina angepflanzt, gefolgt von Rondinella,
Cabernet Sauvignon und Franc, Pinot Grigio
und Garganega.
Die Landschaft um Le Fraghe herum liebt
Matilde Poggi: Im Norden der alles überragende Monte Baldo, der Gardasee mit
seinem typisch mediterranen Klima und das Etschtal (Valdadige), wo stets
eine frische Brise weht. Eine wunderbare Landschaft, in der die Gletscher
das Becken des Sees und das Flußbett der Etsch vor langer Zeit ausgehölt
haben. Bei den Böden, auf denen die Bardolino-Reben wachsen, handelt es sich
um die skelettreichen Ablagerungen des letzten Gletschers, der nach seinem
Rückzug vor 10 000 Jahren den Gardasee hinterliess. All das möchte Matilde
Poggi in ihren Weinen wiederfinden: Das Terroir, die Aromen der Landschaft,
die Sonne im Glas. Wein ist flüssig gewordenes Sonnenlicht. |
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| Verschlusssache Wein |
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In Neuseeland sind 90 Prozent aller Weinflaschen bereits mit einem
Schraubverschluss ausgestattet, in Australien sind es 60 Prozent. Auch in
Deutschland werden bereits Millionen von Rieslingen mit dem
Schraubverschluss versehen, der vielleicht ein bisschen unromantisch ist,
aber eine sehr gute Antwort auf die immer höher ansteigende Quote von
schlechten Korken darstellt. Denn der teuerste Wein ist immer noch der, der
wegen Korkgeschmacks in den Ausguss wandert!
In Frankreich experimentieren selbst so berühmte Weingüter wie Chateau
Margaux in Bordeaux und Domaine de la Romanée Conti in Burgund mit dem neuen
Verschluss – mit Erfolg, wie beide schon öffentlich haben verlauten lassen.
Nur aus Italien, dem größten Weinerzeugerland der Welt, hört man nichts.
Fast nichts, denn
auch beim Thema Weinverschluss geht Matilde Poggi als eine der ersten
Winzerinnen in Italien neue Wege.
2008 machte sie ein kleines
Experiment: Sie füllte im April die Hälfte ihres Bardolino-Roséweins "Ródon"
in Flaschen mit Korkverschluss, die andere Hälfte in Flaschen mit
Schraubverschluss. Danach ließ sie die Weine drei Monate liegen und
probierte sie anschließend. Das Ergebnis?
Der Wein mit dem Schraubverschluss
war frischer und schmeckte fruchtiger als der Korken-Wein, dessen pink
Farbe überdies schon ein wenig verblasst war.
Matilde Poggis
Fazit: „Ich benutze künftig nur noch Schraubverschlüsse für den Chiaretto
Ródon.“
Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben uns
gelehrt, dass Wein keinen Sauerstoff braucht, um zu reifen. Folglich braucht
er eigentlich auch keinen sauerstoffdurchlässigen Korken. Der
Schraubverschluss ist absolut luftdicht. Der Wein reift langsamer, bleibt
deshalb auch länger frisch. Die Männer, die 99 Prozent aller Weingüter in
Italien vorstehen, haben Angst vor dieser Erkenntnis. Die Konsortien und die
DOC/DOCG-Vorschriften verbieten oft den Einsatz des Schraubverschlusses.
Matilde Poggi, eine Frau, die auch hier den Mut hatte,
sich in der Männerdomäne Italien gegen den Trend zu stellen
und das zu tun, was nach Abwägung aller Vor- und Nachteile geboten ist: Auf
den Korkverschluss teilweise zu verzichten. Nur der Bardolino wird im Moment
noch mit beiden Verschlüssen abgefüllt. Die Flaschen mit Drehverschluß gehen
hauptsächlich in den Export, die Flaschen mit Korkverschluss verbleiben
größtenteils in Italien in der Gastronomie.
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